lichtleere.
«i don’t know how to call it.» «me neither.»
Notizen bezüglich Depressionen, Gesellschaft
und Überleben im lichtleeren Raum.
«i don’t know how to call it.» «me neither.»
und Überleben im lichtleeren Raum.
psychiatriekritikkritik. (fragment i)
Ich will die Psychiatrie gar nicht verteidigen. Eine Institution, die sich die gewaltförmige Durchsetzung bürgerlicher Geschlechternormen auf die Fahne geschrieben hat, die verdient meine Verteidigung nicht. Moment. Doch, tut sie. Aber nicht deswegen. Ich werde keine Sekunde widersprechen, wenn gesagt wird, dass der Teil F64.- «Störungen der Geschlechtsidentität» aus dem Diagnosekatalog ICD-10 gestrichen werden soll. Aber man soll nicht so tun, als wäre das alles. In linker Gesellschaftsanalyse gilt die Psychiatrie als Institution, die per Zwang den Menschen dem Markt unterwerfen will, die den Menschen kaputt mache. Auch hier kann man im Prinzip nur zustimmen. Ja, das macht die Psychiatrie ja schon auch. Aber. Es wäre verkürzt, dies zum alleinigen Zweck der Psychiatrie zu machen. Es ist ein bisschen dumm, wenn Linke ein psychisches Problem als Ritterschlag sehen und den Betroffenen die Hilfe des Überlebens versagen wollen.
Man muss eine Normabweichung nicht als Krankheit definieren. Was man aber zwingend im Blick haben muss, ist ein Leiden, das aus dieser Normabweichung entsteht. Eine Linke, die den Menschen helfen will, tut niemandem einen Gefallen, und schon gar nicht ihrer eigenen Glaubwürdigkeit, wenn diese Hilfe bei existenziellen Krisen verwehrt wird. Und das ist das große Problem einer Psychiatriekritik. Die Betroffenen psychischer Krankheiten werden im «grauen Nieseln des Schreckens» (Styron) stehen gelassen. Die Institution Psychiatrie wird als «Herrschaftswissenschaft» gebrandmarkt, aber Alternativen werden keine aufgezeigt. Herrschaftswissenschaft, das nur nebenbei, sind auch Queer Theory, Post-Colonial Studies und wie die ganzen Steckenpferde einer postmodernen Linken noch heißen, die sich zum Zweck gemacht haben gleichberechtigt mitbeherrscht zu werden. Dabei sind diese Alternativen überlebenswichtig. Es ist keine Hilfe, wenn man in einer schweren depressiven Episode der Behandlung entzogen wird, weil es in der eigenen Peer-Group als uncool gilt, sich der chemischen Keule der psychiatrischen Behandlung zu auszusetzen. Jeglicher medizinischer Vernunft zum Trotz.
Aufhänger für diesen Artikel ist ein Post des «AK Psychiatriekritik der NFJ Berlin», die einen Artikel der Huffington Post unkommentiert verlinkt haben. In diesem geht es um Elektroschocktherapie und dass diese Schäden im menschlichen Gehirn hervorrufe. Das klingt furchtbar und sowieso ist die Schocktherapie noch immer mit dem schwarz-weiß verwitterten Bild einer eigentlich mittelalterlichen Vorgehensweise behaftet. In diesem Artikel wird nun davon schwadroniert, dass diese maximalinvasive Therapieform (ich nenne sie weiter so, bis mir Studien vorgelegt werden, die beweisen, dass sie eben nicht therapiert) Schäden am Gehirn hervorruft. Leider aber auf einer so abstrakten Ebene, dass das Schwadronieren seinen einzigen Zweck im Schwadronieren findet. Kein Wort davon, dass Elektroschocks eine Art «letzte Ausfahrt» der psychiatrischen Vorgehensweise sind, die angewendet wird, wenn alles andere nicht hilft.
Mein vorrangiger Punkt ist aber ein anderer: Das, was die Huffington Post als «Schaden» tituliert, ist ein Eingriff. Das Reden vom Schaden setzt eine unbeschädigte, irgendwie natürliche Seinsform des beschädigten Gegenstandes, in diesem Fall: des menschlichen Gehirns, voraus. Zu den Grundgewissheiten sich kritisch wähnender Menschen sollte eigentlich gehören, dass es diese «Natur» als unbetatschtes Ideal nicht gibt, und dass sie schon gar nicht um jeden Preis zu erhalten ist. Folgt man der Auffassung der Huffington Post, sind auch Alkoholkonsum, Tattoos, Piercings und der militante Akt des Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu vermeidende Schäden. Anstatt mal zu gucken, wie den Menschen geholfen werden könnte, und vor allem ob der Eingriff mittels Elekroschocktherapie einen nachhaltigen Nutzen mit sich bringt, den andere Formen der Therapie nicht haben, wird abstrakt ein Schaden bemängelt.
Natürlich ist jede Form der Therapie, von Gesprächs- und Verhaltens- bis zur Medikamententherapie ein Eingriff, ein «Schaden», wenn man so will. Das Einnehmen von SSRI-Medikamenten ist eine Beschädigung des «natürlichen» Serotoninhaushalts des Gehirns, weil einfach viel zu wenig da ist, um den Belastungen des kapitalistischen/sexistischen/usw Alltags gewachsen zu sein. Die Huffington Post schreibt weiter «From its inception, psychiatry has promoted brain damage as treatment. Nothing has changed in this regard except the arguments are more subtle and lobotomy is now being called ‹disconnectivity.›» Ja, liebe Huffinton Post, ja, lieber AK Pychiatriekritik, die Beschädigung des vermeintlich natürlichen Gehirns ist Therapie. Betroffenen unter Zuhilfenahme eines Ideals, das so nicht vorkommt, Therapie zu verweigern, ist töricht und gefährlich. Als solche steht der Artikel der Huffington Post symptomatisch für eine versuchte Kritik der Psychiatrie, man meint es gut. Nur, eine letzte Binsenweisheit zum Schluss, das Gegenteil von gut bleibt gut gemeint. Und, um den Bogen zum Anfang zu biegen, es gibt Aspekte der Psychiatrie, die kritisiert, kritisch reflektiert gehören. Oh Wunder. It’s the kapitalistische Totalität. Es gibt aber auch genauso Aspekte der Psychiatrie, die bewahrt werden müssen, die Aspekte nämlich, die das Überleben und Gesellschaftskritikerinnen letztendlich wieder die Kritik der Gesellschaft ermöglichen.
Titel: Into The Black
Artist: Chromatics
Album: Kill For Love
Label: Italians Do It Better
Released: 2012
Balancetraum.
karussellgedanken.
Einschlafen. Immer wieder einschlafen. Immer wieder. Immer. Wunsch, «Sehnsucht nach Schlaf, nach Taubheit des Körpers und der Gedanken» (Goetz; Irre; 89), gleichzeitig das Gegenteil. In den Minuten vor dem Einschlafen ist nichts so, wie es sein sollte. Im Laufe des Tages stehen einem Möglichkeiten zur Verfügung, dass es immerhin egal ist, dass nichts so ist, wie es sein sollte. Beim Einschlafen nicht. Im verdunkelten Zimmer liegt man. Wälzt sich nach hier, nach da. Kann nicht einschlafen. Die Trauer kommt und reißt den Vorhang der froheren Gedanken entzwei. Man sieht die obere Hälfte noch. Man erinnert sich an das Gefühl von vor zwei Sekunden. Aber der Körper zittert beim Einzug der Trauer.
Immer wieder die gleichen Gedanken. Hin und wieder das ewig verzweifelte Ende. Die Litanei des Eswirdjadochnichtbesser, die man versuchte in die Flucht zu schlagen. Das Ende der Litanei meint: Das Ende von allem. Der Gedanke ist: «Das kann ich nicht tun.» Kein «Ich will das nicht», ein «Ich kann das nicht». Ich kann meinem Leben kein Ende setzen, weil es Gründe gibt, die dagegen sprechen. Meine Freundinnen. Meine Bücher. Die Hoffnung auf ein Haus in Dänemark. Es wäre mir lieber, wenn ich es nicht mehr wollen würde. Freundinnen, Bücher, Häuser scheinen merkwürdig fragile Verbindungen an das Einzige, was einer realistisch bleibt. Das Leben. Die Karussellgedanken sind eine Halbdrehung weiter. Der «Gestank des Bewusstseins» (Goetz; Irre; 182) bleibt. Der Gestank des Bewusstseins, das nur unter gedanklicher Verrenkung sich kein Ende setzt. Im Endeffekt das Ende wohl doch nicht will. Würde es wollen, hätte es schon getan. Die Angst vor dem Tod hat einer fürchterlich klaren Rationalität des Todes Platz gemacht. Man ist zu jung, hat zu viele Menschen, denen man mehr hilft, als dass es sie belastet. Man hat eine Liste, auf der Tod nicht den ersten Platz einnimmt. Aber auch nicht den letzten.
Während draußen die Sonne das Leben wieder in die Umwelt brennt warte ich auf den Schlaf. Wieder. The first days of summer never felt so cold.
freudenflaute.
Es gibt Tage, die sind schon nach dem Aufstehen verloren. Man nennt das Alltag, oder so. Heute ist jedenfalls einer dieser Tage. Das schöne an diesen Tagen: Egal, was man tut, es wird immer nur noch schlimmer. Sich die Decke über den Kopf ziehen? Grml. Essen? Grml. Konversation? Grml. Lesen? Grml. Man sollte nichtsdestoweniger auf keinen Fall auf die Idee kommen, die Wohnung zu verlassen. Draußen ist alles noch viel schrecklicher. Man muss dafür gar nicht als drittes Auto die Staatsgewalt sehen (und bis zur Rückkehr in die zumindest geliehenen vier Wände noch wenigstens zweitausend Miarden Staatsbüttel mehr), der Faktor trägt aber nicht gerade dazu bei, dass der Tag schöner wird. Im Aufzug, Treppenhaus oder Paternoster wird auf unverständliche Art etwas von Türkei, Urlaub und zehn Monate gefaselt, wobei man sich natürlich nicht verarscht vorkommt und versucht das hassende Desinteresse hinter Floskeln wie «Na, da bin ich jetzt aber ein bisschen neidisch» zu verpacken, was auch scheißegal ist, wenn das Gegenüber einen sowieso nicht versteht oder verstehen will. Auf dem Hinweg freut man sich noch, dass die Touristinnenbusse leer sind und die Besatzungen weit und breit nicht zu sehen. Auf dem Rückweg läuft man in eine Rotte Frankfurter Schülerinnen, deren IQ nach ihrer Kleidung zu Urteilen in arktischen Bereichen verblieben ist. Und das trotz Frühling. Herzlichen Glückwunsch. Noch ein Streifenwagen. Im Supermarkt überfällt nach einen nach runden zwei Minuten eine abgrundtiefe Abscheu gegen das Gebäude und alle seine Insassen, was den vorher noch gärenden Konflikt zwischen Harmoniebedürfnis und Welthass und -angst zum Eskalieren bringt – nach gut zwanzig Sekunden eindeutig entschieden zugunsten von Hass und Angst. Rudimentär eingekauft, zur Kasse geflohen, aus dem Gebäude geflohen. Die Schließung einer Galerie betrauert (in diesem Satz befindet sich eine Lüge). In die Rotte gelaufen. Wieder Polizei. Man könnte tatsächlich meinen, dass man in einem sozialen Brennpunkt lebt, wenn man die Wirklichkeit nicht kennen würde. Die Wirklichkeit sagt einem unverblümt, dass man in einem Kiez, so durchsetzt von Sozialarbeit, Sozialdemokratie und sozialer Gleichgültigkeit, lebt, dass das «Kriminalitätsstatistik» den faden Beigeschmack des Imaginären erhält. An der Haustür vorbeigelaufen. In der Zeit der Abwesenheit ein Paket verpasst. Scheißtag.
(via drkorsakov)
